Im Mittelpunkt die Rebe

Im Mittelpunkt die Rebe; Bilanz der Erinnerungen
Reinhard Frank

Aus dem Inhalt:

Zum Geleit 7
Das Terrain, die Wurzeln und die Geschichte  8
*
Mein Eintritt in das öffentliche Leben   59
Weinwirtschaft und Winzergenossenschaftswesen  81
Familie, Freizeit und Hobbys 90
Zur Geschichte der SIFRA 91
Beim Badischen Weinbauverband und der Breisgau Wein  105
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Die >Alte Wache<, Haus der Badischen Weine 147
Die Rebenzüchtung und Rebenveredelung Frank  154
Der Badische Winzerkeller und ich  187
Meine politische Zeit  206
Das Projekt Monteux in der Provence  219
Rebenpflanzgutversorgung und Berufsstand der Rebenveredler 250
Verband Badischer Rebenpflanzguterzeuger e.V.  258
Beim Musikverein Nordweil  275
Resümee und Ausblick 300
Personenregister 303

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Leseprobe zu: Das Terrain, die Wurzeln und die Geschichte:

   In der gesamten Landwirtschaft inklusive Weinbau hat sich insbesondere nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) ein unglaublicher Wandel vollzogen. Gerade wegen dieses Wandels scheint es mir angebracht, die Situation im Ort vor und nach diesem Weltkrieg etwas ausführlicher zu beschreiben.
Im Kriegsjahr 1943 wurde der Dorfbach verdolt unter die Erde verlegt. Dieser war im Normalfall immer nur ein relativ kleines Rinnsal, steigerte sich bei entsprechenden Gewitterregen aber schnell zu einem reißenden Bach.
   Die Weinbaufläche ist im selben Jahr mit noch rund 20 Hektar  verzeichnet. Die Vermarktung des Weines lag fast gänzlich in den Händen des Handels, welcher dies auszunutzen verstand.
   Langsam, aber beständig entwickelte sich in den Dörfern, so auch in Nordweil, verarbeitende Industrie. Es waren vor allem die Zigarrenfabriken, welche die ersten industriellen Arbeitsplätze boten. Da dort vorwiegend Frauen Beschäftigung fanden, war das für viele Familien ein willkommener Zuerwerb. Auch Nordweil erhielt im Jahre 1890 seine >>Stumpenfabrik<<  (Zigarrenfabrik). Zeitweise waren dort bis zu 90 Personen beschäftigt. 1954 war es damit zu Ende. Zunächst übernahm die Kaiser-Radio-Fabrik das Werk, und einige Jahre später die Frako-Kondensatoren. Seit 1968 gehört es der Metallwarenfabrik Hummel.
   Die Landwirtschaft blieb ein mühseliges Geschäft. Traktoren tauchten erst nach dem Krieg auf. Nur wenige Höfe hatten für die Bewirtschaftung  der Flächen Pferde zur Verfügung. Ich schätze mal, es waren bei uns im Ort keine fünf. Die Übrigen mussten sich mit Kuh- und Ochsengespannen begnügen. So war es auch bei uns zu Hause. Wir hatten Hans, den Ochsen, sowie die beiden Kühe Liesel und Waldi, die, wenn sie gerade nicht trächtig waren, wechselweise meist in Kombination mit dem Hans in das Gespann mussten.
   Gut in Erinnerung sind mir noch die Befehle, welche die Tiere bekamen. Diese waren einheitlich und allgemein üblich. Ich habe keine Ahnung, wie sie zustande gekommen waren und was ihr sprachlicher Hintergrund sein könnte. >>Hü<< bedeutete Losmarschieren, >>Oha<< hieß Anhalten, >>Wischt<< hieß links und >>Hot<< oder >>Hodumi<< rechts.

   Mein Vater wurde am 7. Februar 1909 als viertes Kind von Arnold und Amalia geboren. Der Erstgeborene war Wilhelm. Es war verbreitete Sitte, den Erstgeborenen nach dem Kaiser zu benennen. Wilhelm Frank hat später das Wagnerhandwerk erlernt und auch seine eigene Wagnerei betrieben, nachdem er sich mit Hermine, geb. Frank, verheiratet hatte. Die Wagnerei war aber bald ein sterbender Beruf, so dass der Weinbau, die Landwirtschaft und auch die Lohndrescherei in den Vordergrund rückten. Das zweite Kind war Hedwig. Sie heiratete später den Kenzinger Bürgersohn Franz Jägle und erlitt ein typisches Schicksal jener Zeit. Ihr Mann kam zwar aus dem Krieg noch nach Hause, er war offenbar aus der Gefangenschaft geflüchtet und hatte dabei den eiskalten Rhein durchschwommen, war aber gesundheitlich sehr angeschlagen und starb bald danach. Tante Hedwig hatte in Kenzingen ein zerbombtes Haus und fünf kleine Kinder, alle zwischen 1937 und 1945 geboren.
   Johann, das dritte Kind meiner Großeltern, starb im Kindesalter an der Ruhr. Ruhr war damals eine gefürchtete Durchfallkrankheit, welche oft zum Tode führte. Ein weiterer Sohn, mein Getti (Patenonkel) Josef Frank, war ebenso wie Wilhelm Kriegsteilnehmer. Er erlernte das Metzgerhandwerk und bewirtschaftete nach dem Krieg das Gasthaus >>Anker<<  in Rust und anschließend eine Gastwirtschaft mit Metzgerei in Würm bei Pforzheim. Bei ihm durfte ich oft meine Ferien verbringen. Der Erfolg solcher Aufenthalte wurde immer daran gemessen, wie viel Kilo man zugenommen hatte. Auch das war typisch für jene Zeit. In Rust im >>Anker<< gab es damals schon einen Plattenspieler, und die Schlager >>Blaue Nacht im Hafen<<  und >>Die Fischerin vom Bodensee<< sind mir noch in guter Erinnerung. Hin und wieder kann man diese heute noch im Radio vernehmen.
   Tante Eliese, das >>Küken<<, die Jüngste im Kreis von Arnolds und Amalias Kindern, arbeitete bei Kaiser-Radio in Kenzingen und verheiratete sich in den späten Nachkriegsjahren mit Paul Krieg in Kollnau....

weiter Seite 17:
   An den Einmarsch der Franzosen in Nordweil im Jahre 1945, erinnere ich mich noch recht gut. Da mit Bombardements zu rechnen war, hatten sich meine Eltern und ich mit anderen Nachbarn im Keller von Anton Wacker, jetzt Gruninger, aufgehalten. Zu dem Zeitpunkt war meine Mutter schon mit meiner Schwester Waltraud schwanger. Der Keller von Anton Wacker (Wacker-Toni) war einer der wenigen, die für geeignet empfunden wurden, einem eventuellen Bombardement zu widerstehen.
   Da aber direkt im Dorf kein Widerstand geleistet wurde, gab es auch keine Zerstörungen. So rückten also die Franzosen mit Panzern und Gerät von Norden her in Nordweil ein. Wir verließen den Keller, begaben uns nach draußen und mein Vater nahm mich auf den Arm. Sein Erscheinen an der Straße war nicht ohne Risiko, denn er war mit seinen 36 Jahren durchaus noch im wehrfähigen Alter und in den letzten Kriegswochen auch zum so genannten >>Volkssturm<< eingezogen worden. Ein französischer Soldat steckte mir ein paar Rippchen Schokolade zu und die kritische Situation war zunächst einmal entschärft. Der ganze Franzosentross zog nun in das Dorf ein und machte in der Ortsmitte beim Rathaus Halt.
   Was nun geschah, entnehme ich aus dem >>Kriegstagebuch von Göhri<<: Um die haltende Kolonne der Franzosen drängte sich eine Menschentraube. Wir würden heute sagen Schaulustige. Die französischen Soldaten entstiegen ihren Jeeps und Panzern. Dabei verlor einer seine Handgranate, die damit scharf war. Geistesgegenwärtig war sich ein anderer französischer Soldat auf den unmittelbar danach explodierenden Sprengkörper. Er kam dabei ums Leben, aber den vielen umstehenden Einwohnern und Soldaten geschah kein Leid.
   Es wurde später, zumindest in Nordweil, sehr wenig über diesen Vorfall gesprochen. Die Frage war oft, warum der Mann die Handgranate nicht einfach weggeworfen hat. Aber wohin hätte er sie denn werfen sollen? Die Schaulustigen hatten das ganze Geschehen ja vollständig umringt. Durch sein Opfer wurde mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben mehrerer Dorfbewohner gerettet. Nicht auszudenken, wie die Begebenheit sonst eskaliert wäre! Es war also ganz gewiss eine absolute  Heldentat! Augenzeugen berichteten später, dass der Soldat im Todeskampf nach seiner Mutter gerufen habe. Er war offensichtlich algerischer oder marokkanischer Abstammung.
   Wir hatten in Nordweil in der Nachkriegszeit so viele Straßen neu zu benennen, einmal erzwungen durch die Gemeindereform und zum anderen durch die allgemeine Bautätigkeit. Warum kam eigentlich keiner auf die Idee, eine Straße oder einen Platz nach diesem Helden zu bezeichnen? War die Zeit noch nicht reif dafür, weil er ein gegnerischer Soldat gewesen war? Möglicherweise war das Schuldgefühl am Entstehen dieses Weltkrieges noch zu wenig entwickelt, um einem Fremden die ihm zustehende Ehre zu erweisen. Zumindest in der unmittelbaren Nachkriegszeit hätte man aber den Namen dieses Helden recherchieren müssen. Da wäre es vielleicht noch möglich gewesen - immer vorausgesetzt, man wollte es. Aber selbst wenn sein Name nicht herauszufinden gewesen wäre, so hätte es sicher eine Möglichkeit gegeben, das Geschehnis in irgendeiner Form zu würdigen. Christian Merz hat fast 60 Jahre später versucht, nachzuforschen, ist aber offensichtlich nicht weiter gekommen.
   Es gab im Übrigen noch andere historische Personen oder Institutionen, denen man diese Ehre einer Straßenbenennung hätte angedeihen lassen können. Wir hätten dann halt ein paar Straßen weniger mit einem Tier- oder Baumnamen gehabt. Ich war ja selbst mal im Ortschaftsrat und im Nachhinein ärgert es mich, hier nie eine Initiative gestartet zu haben..

Leseprobe zu: Beim Badischen Weinbauverband und der Breisgau Wein:

  
Die von der Badischen Weinwirtschaft am 12. März 1954 gefassten Neuweirer Beschlüsse besagten, dass sich die bestehenden Winzergenossenschaften nicht innerhalb von Baden gegenseitig >>die Butter vom Brot nehmen << sollten. Außerhalb  von Baden sollten sie mit der ZBW als einzigem Betrieb in den Markt gehen. Und auch der Export sollte von einer Zentrale vorgenommen werden. In der Umsetzung bedeutete dies, keine neuen Winzergenossenschaften mit eigener Vermarktung mehr zuzulassen. Dieser letzte Satz stand zwar nicht im Papier, war aber die eigentliche Zielsetzung der Beschlüsse.
   Die Ernte aus weiter dazukommenden Rebflächen sollte über so genannte >>trockene<< Winzergenossenschaften in die neu gegründete Kaiserstühler Zentralkellerei, später umbenannt in Zentralkellerei Badischer Winzergenossenschaften (ZBW) in Breisach kanalisiert werden. Der Gedanke wurde wohl in der Hauptsache von Emil Klaus formuliert. Er hatte in den Nachkriegsjahren während eines Aufenthalts in Amerika Marktstudien betrieben und Visionen einer künftigen Entwicklung des Weinmarktes erarbeitet. Analyse und Vision haben sicher gestimmt. Hinzu kamen auch die Gegebenheiten der Bevölkerungsentwicklung.
   Bei genauer Betrachtung haben sich die bereits etablierten Winzergenossenschaften abgeschottet, um sich den Kuchen in Baden besser teilen zu können. Die anderen blieben letztlich trotz der Schaffung der Zentralkellerei im Regen stehen. Denn jeder, der etwas vom Markt versteht, weiß, dass man über die Ladentheke teurer verkaufen kann als wenn man sich den großen Discountern andienen muss. Auch fördert es das Image, und das hat sich in Baden bitter gezeigt, denn die Sache wurde letztlich nicht zu Ende gedacht. Die etablierten Genossenschaften beschränkten sich weiß Gott nicht auf die regionalen Märkte, sondern bedienten ebenfalls die überregionale Marktschiene, die Discounter und teilweise auch den Export, je nachdem, wie groß gerade ihre Ernte war. Und die Ernten waren nun mal hin und wieder groß. Oft gab es zwei außerordentliche Ernten hintereinander  und dann wurde die Zentralkellerei rücksichtslos unterboten, nur um die Bestände im eigenen Keller abzubauen. Keiner der Organisationen gelang es, hier Ordnung reinzubringen, der Zentralkellerei genauso wenig wie dem Genossenschaftsverband oder dem Weinbauverband.
   Baden war im Gegensatz zu beispielsweise Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen ein eher schwach strukturiertes Land. Wenn dann die Rebfläche und damit die Weinproduktion bewusst und gewollt ansteigt und sich zu viele Verkäufer auf die Füße treten, dann entsteht schnell ein Vermarktungsproblem. Ein anschauliches Beispiel war in den 60er Jahren Rheinland-Pfalz. Regelmäßig liefen dort die Keller bei ertragsreichen Jahrgängen über, weil die Produktion aufgrund der vielen Kleinerzeuger nicht kanalisiert werden konnte. Die Winzer lagerten in ihrer großen Mehrheit den Wein zunächst ein und versuchten, ihn vor der Abfüllung an den Weinhandel zu verkaufen. Der Weinhandel war aber besser organisiert als die Winzer, und er nutzte den Vorteil weidlich aus. Tiefstpreise waren daher die regelmäßige Folge.
   Emil Klaus ist damals wie ein Wanderprediger durch Baden gereist und hat auf diese Zusammenhänge und die Notwendigkeit der genossenschaftlichen Zusammenschlüsse hingewiesen. Selten habe ich eine Person erlebt, welche die charismatische Übermittlung ihrer Visionen mit soviel Glaubwürdigkeit verbinden konnte. Sein Geheimnis war, dass er gelebt hat, was er verkündete, und dass er an seine Zukunftsvision glaubte. Er war aber auch ein Kämpfer und in Stuttgart, Bonn oder Brüssel genau so präsent wie in seinem Badener Ländle.
   Das Modell >>Baden<< war in der deutschen Weinwirtschaft anerkannt und galt als beispielhaft. Viele Kollegen und Journalisten diverser Zeitungen waren allerdings auch der Meinung, die badischen Winzer hätten ihre Freiheit verloren. Die Losung jener Zeit klingt mir heute noch in den Ohren. Sie hieß >>Freiheit in der Ordnung und Ordnung in der Freiheit<<. Mit seinen Thesen zu diesem Thema konnte Emil Klaus ganze Säle voller Winzer fesseln. Das Modell war über Jahrzehnte sehr erfolgreich...

Buchdaten: ISBN 3-8334-4880-6
Preis: 28,00 € incl. Mwst.
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Und nun wünsche ich viel Spaß beim Lesen.

Reinhard Frank

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aktualisiert am: 31. Mai 2008